Zirkuspädagogische Leitlinien

zur Umsetzung von Zirkusprojekten, die von Zirkus macht stark gefördert werden
Zirkus Willibald Hamburg

Für die Umsetzung von lokalen Zirkusprojekten hat Zirkus macht stark ein pädagogisches Konzept sowie Leitlinien entwickelt.

Das Konzept von „Zirkus macht stark“ beruht auf dem Prinzip der Zirkuspädagogik, speziell des Sozialen Zirkus. Durch ihre Attraktivität und die Vielfalt der artistischen Disziplinen unter Einbeziehung anderer Kunstformen und eigenständiger Jugendkulturen sind zirkuspädagogische Angebote in besonderem Maße geeignet, bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche zu erreichen und zu integrieren. Die Artistik als Mischung von sportlich-körperlicher Betätigung und künstlerischer Kreativität spricht auch jene Zielgruppen an, die anderen Kunstformen und der formalen Bildung eher abwartend bis ablehnend gegenüberstehen. Nicht die Bewältigung von Defiziten steht im Vordergrund, sondern die Herausarbeitung und ideenreiche Förderung von individuellen Stärken.

Zielgruppe der Zirkusarbeit sind bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren sowohl im urbanen wie im ländlichen Raum. Ziele der Vorhaben sind die Entwicklung und Stärkung sozialer und personaler Kompetenzen und die Unterstützung des interkulturellen Integrationsprozesses. Das gemeinsame künstlerische Schaffen ermöglicht die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, also die Erfahrung, nützlich und kompetent zu sein.

Die Projekte werden von Honorarkräften umgesetzt, die von Ehrenamtlichen unterstützt werden. Auch Angehörige, wie Eltern oder Geschwister, können in die Projekte eingebunden werden.

Pädagogisches Konzept der Antragsteller-Organisation

Zusätzlich zur Beschreibung des geplanten Projekts, aus dem hervorgehen muss, warum das geplante Projekt für die Zielgruppe der bildungsbenachteiligten Kinder und Jugendlichen geeignet ist, müssen die Antragsteller*innen auch beschreiben, auf welchem pädagogischen Konzept die Arbeit ihrer Organisation basiert.

Zirkuspädagogische Honorarkräfte

Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige zirkuspädagogische Arbeit mit der Zielgruppe sind die Kompetenzen der Anleiter*innen sowohl in pädagogischer wie in artistischer Hinsicht. Einen hohen Anteil am Gelingen eines Projekts haben Ehrenamtliche, die die Fachkräfte in vielfältiger Weise unterstützen. Die Weiterbildung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen in Regionalen Fortbildungen fördern ihre langfristige Bindung an die Projekte und ihr Engagement erheblich.

Die Teilnehmenden müssen von qualifizierten Zirkuspädagog*innen angeleitet werden, die über eine artistisch-künstlerische wie pädagogische Ausbildung verfügen und/oder entsprechende Erfahrungen in der zirkuspädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben. Sie sind aufgefordert, regelmäßig an Fortbildungen, kollegialem Austausch und Teamreflexionen teilzunehmen. Eine aktive Teilnahme der Ehrenamtlichen an den regionalen Fortbildungen wie allen anderen Formen der Weiterbildung ist erwünscht, die Teilnahme der Projektleiter*innen an den jährlichen Bundesweiten Treffen wird erwartet.

Nachhaltigkeit

Eines der Ziele der Projekte ist es, personale wie soziale Kompetenzen der Teilnehmenden zu stärken. Durch das individuell Erlebte, die Erfolgserlebnisse und Anerkennung der eigenen Person soll das Selbstvertrauen nachhaltig über das Projekt hinaus gestärkt werden und positiven Einfluss auf die Lebenssituationen der Kinder und Jugendlichen haben.,

Evaluation

Alle Projekte sollen evaluiert werden. Das Projektbüro von Zirkus macht stark stellt dafür Evaluationsbögen zur Verfügung. Evaluationen reflektieren das eigene Handeln und geben Rückschlüsse bezüglich der inhaltlichen und organisatorischen Weiterentwicklung der Kooperationen. Damit wird eine Qualitätssteigerung der Projekte ermöglicht.

Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit

Die Dokumentation der Projekte ist nicht nur für die Teilnehmenden und die Bündnispartner von großer Bedeutung, sondern sie dient auch der Bewerbung des Bundesprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“. Der Verlauf und die Ergebnisse der Projekte können in unterschiedlichsten Formen dokumentiert werden. Dies kann z.B. durch Fotodokumentation, Filmbeiträge oder Artikel in regionaler und überregionaler Presse erfolgen. Diese Dokumentationen und Öffentlichkeitsarbeit sind in den Berichten zu belegen. Erwünscht sind Fotos aus den Projekten mit Veröffentlichungsgenehmigungen, die für die Öffentlichkeitsarbeit von Zirkus macht stark geeignet sind. Bei der gesamten Öffentlichkeitsarbeit muss auf die Förderung durch Zirkus macht stark und „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“hingewiesen werden und bei Druckerzeugnissen sind die entsprechenden Logos (BMBF, Kumasta, Zms) zu verwenden.    

Pädagogische Leitlinien

  • Sicherheit und Gesundheit
      Bei der artistischen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen wird besonders auf Fragen des Kinderschutzes, der Sicherheit und der Gesundheit geachtet, z.B. durch Erste-Hilfe-Kurse für die Anleitenden. Ein Nachweis darüber ist nicht erforderlich und bliegt der Aufsichts- und Fürsorgepflicht der Antragsteller.
  • Individuelle Förderung
  • Die Kreativität und künstlerische Arbeit von Kindern und Jugendlichen wird entfaltet und gefördert. Lustvolles, begeistertes Lernen, das alle Sinne bewegt, wird angestrebt. Die altersgerechten und gruppenspezifischen Angebote verschaffen jedem Teilnehmenden ein eigenes Erfolgserlebnis. Dabei ist durch alle beteiligten Honorarkräfte und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen auf die Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmenden zu achten, die Besonderheiten der Einzelnen anzunehmen und damit die Stärken der Kinder und Jugendlichen hervorzuheben und weiter zu entwickeln. Im Zirkus gehört das Scheitern zum Lernen. Über die eigenen Fehler lernt man, wie man es richtig und besser macht. Die Teilnehmenden erfahren damit eine andere Kultur des Lernens.
  • Besonderheiten der Zielgruppe
  • Die Kinder und Jugendlichen, die in einer sozialen und bildungsbezogenen Risikolage aufwachsen, haben aufgrund ihrer Situation häufig besondere Probleme, Selbstbewusstsein und soziale Kompetenzen zu entwickeln. Im Sozialen Zirkus als Einheit von Zirkuspädagogik und Sozialarbeit ist in großem Maße darauf zu achten, dass die vorhandenen Stärken der Teilnehmenden erkannt und ihre Kompetenzen wie ihr Sozialverhalten gefördert und entwickelt werden, um ihre Chancen auf eine bessere Teilhabe an der Gesellschaft zu verbessern.
  • Gender
  • Geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen von Mädchen/Frauen sowie Jungen/Männern zu thematisieren, bewusst zu machen und zu hinterfragen, findet in der Zirkusarbeit großen Raum. Die reflektierte pädagogische Arbeit bietet die Möglichkeit zur Sensibilisierung für die eigene und für andere Geschlechterrollen. Das Ziel sollte sein, gegenseitigen Respekt zu entwickeln, alte Verhaltensmuster und Rollenmodelle aufzubrechen, zum Umdenken anzuregen und sein Gegenüber nicht auf stereotype Geschlechtereigenschaften festzulegen.
  • Integration
  • Zirkus soll und muss für alle Kinder und Jugendlichen offenstehen, unabhängig von Elternhaus, kultureller Herkunft, sozialer Stellung, Ethnie und Religion. Jeder und jede findet seinen/ihren Platz, die Möglichkeit der eigenen Entwicklung und Selbstdarstellung. Die zirzensischen und anderen künstlerischen Angebote sind vielfältig und es lässt sich (fast) alles in eine Show integrieren. Unterschiede werden als Gelingensfaktoren und Lern­ressourcen gesehen. Speziell bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche finden im Zirkus mit seinen attraktiven Angeboten einen Raum, sich einzubringen und mitzumachen. Die Teilnehmenden werden mit attraktiven, niedrigschwelligen Aktivitäten abgeholt und zu Neuem herausgefordert, bei dem sie über sich hinauswachsen können.
  • Ergebnis-/präsentationsorientierendes Handeln
  • Am Ende eines jeden Projekts steht eine Präsentation: ob Open Stage oder Show, die Art und Weise ist nicht auschlaggebend, sondern die Zielorientierung in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hin auf eine Präsentation der erlernten Fähigkeiten. Das geschieht selbstverständlich wie die Teilnahme am Projekt auf freiwilliger Basis der Teilnehmenden. Die öffentliche Präsentation ist sehr wichtig, um den Teilnehmenden ein Erfolgserlebnis zu ermöglichen, die Anerkennung ihrer besonderen Fähigkeiten und ihrer Persönlichkeit.
  • Vor- und Nachbereitung
  • Jedes Zirkusprojekt wird im Vorfeld von dem Projektverantwortlichen mit den Bündnispartnern bezüglich der inhaltlichen, pädagogischen und organisatorischen Besonderheiten abgesprochen, die unterschiedlichen Aufgabenfelder der Bündnispartner werden festgelegt. Die Bündnispartner bleiben während des Projektes im Gespräch, reflektieren und optimieren das Geschehen. Besonderer Wert wird dabei auf die pädagogischen und sozialen Zielstellungen und Ergebnisse gelegt.