Best Practice aus fünf Jahren

  • Zirkus verleiht Flügel
     

 

 

Ein Zirkusprojekt an der Schule

Die Grundschule II im hessischen Stadtallendorf liegt in einem sozialen Brennpunkt, in dem viele Kinder unter physischen wie psychischen Beeinträchtigungen leiden. So ist ein Schwerpunkt an der Schule die Bewegungs- und Gesundheitsförderung, woraus das Zirkusprojekt „Traumfänger“ entstand. In der Zirkus-AG und den von „Zirkus macht stark“ geförderten Kursen, an denen auch Kinder aus dem Sozialraum teilnehmen, trainieren die Kinder – rund 90 kommen aus Zuwanderer­familien zumeist muslimischen Glaubens – verschiedene akrobatische Genres und erarbeiten eine Show. Besonders erfolgreich war 2015 „Leanas Traum“, das mit der Geschichte einer Freundschaft zwischen Prinzessin und Zirkusmädchen die Botschaft vermittelte, dass fremde Kulturen eine Bereicherung und keine Bedrohung darstellen. Die „Traumfänger“-Videos auf YouTube erreichen unglaublich viele Aufrufe und damit eine breite Öffentlichkeit.

 

Inklusion im Bamberger Zirkus Giovanni

Der Zirkus des Don Bosco Jugendwerks entwickelt seit über 20 Jahren modellhafte zirkuspädago­gische Maßnahmen für junge Menschen mit verschiedenen „Handicaps“. Im Focus der Zirkusarbeit stehen die ganzheitliche Bildung und (heil-)pädagogische Förderung der Teilnehmer, deren Bedürfnisse oft stark voneinander abweichen. Jedes Kind benötigt einen individuellen Trainings­ansatz. Gleichzeitig sollen die Teilnehmer*innen bei aller Individualität zu einer eigenmächtigen, selbst­bestimmten und kreativen Gruppe zusammengeführt werden. Dies stellt große Herausforderungen an die pädagogische Kompetenz, Spontanität und Flexibilität der Zirkustrainer. Die Kinder werden angehalten, selbst darauf zu achten, ob alle integriert sind, und sollen eigene Lösungen für Probleme finden. Insbesondere benachteiligte Kinder und Jugendliche wollen und sollen ressourcenorientiert über ihre Stärken definiert werden. Die wertvollste Erfahrung für uns Trainer*innen ermöglichen uns immer wieder die Kinder und Jugendlichen: Mit großer Selbstverständlichkeit akzeptieren sie meist von der ersten Trainingseinheit an das Anders-Sein ihres Gegenübers.

 

„Soul Kids Circus-Orchester“ des Circus Schnick-Schnack in Herne

Kinder lieben Musik, vor allem Popmusik, und träumen davon, selbst ein Star zu sein und in einer Band zu spielen. Doch in einem sozial schwachen Umfeld, wie Herne-Mitte es darstellt, haben Kinder nur selten die Möglichkeit, ein Instrument zu lernen oder sich gesanglich auszuprobieren. Die Wahrnehmung und der Ausdruck von Gefühlen, Stimmungen und Meinungen sind für viele dieser Kinder sehr schwierig. In der Zirkusband hatten die Kinder nicht zuletzt die Möglichkeit, zu lernen sich mit Musik auszudrücken. Das Projekt „Soul Kids Circus-Orchester“ richtete sich an Kinder mit und ohne musikalische Vorerfahrungen. Die Kombination mit einem Auftritt im Zirkus schafft noch einmal zusätzliche Anreize, da die Auftrittsatmosphäre dort noch einmal besonders ist. So wurde das ungewöhnliche Projekt durch die Verbindung von Artistik mit Musik ein großer Erfolg.

 

Mit dem Leiterwagen auf großer Tour

In Anlehnung an die Idee der Herbstwanderungen von Don Bosco rund um Turin zogen die Kinder und Jugendlichen des Chemnitzer Zirkus Birikino – zusammen mit ehrenamtlichen Helfer*innen und hauptamtlichen Betreuer*innen eine Woche lang zu Fuß von Köln über Wesseling und Bonn bis St. Augustin. An den verschiedenen Orten, wo in Pfarrsälen, salesianischen Einrichtungen und Jugendhäusern mit Schlafsack und Isomatte übernachtet wurde, zeigten sie ihre artistischen Darbietungen. Neben den Aufführungen gab es auch spontane Mitmachaktionen für die Zuschauerkinder.

Für viele der Teilnehmenden, die vorwiegend aus sozial schwachen Familien kamen und zum Teil noch nie auf Urlaubsreise aus ihrem Stadtteil herausgekommen waren, stellte diese Tour eine ganz besondere Erfahrung dar. Die intensive Art des gemeinsamen Wandern, Arbeitens und der Freizeitgestaltung förderte die sozialen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen und stärkte ihr Durchhaltevermögen. Für ihr Können, das sie vor völlig Fremden und an ungewohnten Orten zeigen konnten, wurden sie von den vielen Zuschauer*innen mit Applaus belohnt.

 

Zirkus auf dem Schiff

Dank der Förderung von „Zirkus macht stark“ konnten 2015 in Rostock 150 Kinder und Jugendliche kostenlos an fünf Zirkuswochen des Circus Fantasia teilnehmen, verschiedene artistische Disziplinen erlernen und Shows kreieren. Jede Show war ganz individuell, hatte einen eigene Charme und Zauber. Der Höhepunkt war aber, dass im Anschluss an die Zirkuswochen ein Camp stattfand, an dem jeweils fünf Kinder aus den vorangegangenen Wochen teilnahmen und ein Zirkusspektakel erarbeiteten, das vor sehr vielen Zuschauern an einem ganz besonderen Ort präsentiert wurde: einem ehemaligen Eisbrecher im Rostocker Stadthafen. Die Zirkusshow war Teil der offiziellen Eröffnung der 25. Hanse Sail und stand unter der Schirmherrschaft des Rostocker Oberbürger­meisters. Die jungen Artistinnen und Artisten waren verständlicherweise sehr aufgeregt – und ihre Trainer*innen ebenso. Würde ihre Vorführung an dem ungewohnten Ort klappen? Aber die Motivation war groß und die Träume wurden verwirklicht – und der Circus Fantasia ist seitdem in ganz Rostock bekannt.

 

Eine Zirkuswoche mit unbegleiteten geflüchteten Jugendlichen in Bremen

Da stehen sie alle im Kreis zusammen, strahlende Gesichter, Verbundenheit, Stolz, abebbende Aufregung – der Auftritt vor etwa 10 000 Zuschauer*innen bei der Eröffnung des Bremer Samba-Karnevals ist vorbei, doch der Jubel, der Beifall wirken noch nach.

Der Beginn des Projekts der Circusschule Jokes war nicht einfach, weder die Betreuer*innen in den Übergangswohnheimen für unbegleitete geflüchtete Jugendliche noch die teilweise traumatisierten Jugendlichen aus verschiedenen Herkunftsländern konnten sich unter dem Projekt viel vorstellen. Doch nachdem die Jugendlichen in zwei offenen Trainingseinheiten diverse Trainingsgeräte und Techniken ausprobieren konnten, war es nicht mehr schwierig, sie für das Zirkusprojekt zu begeistern. Erstaunlich schnell entstand das Gefühl, sich schon länger zu kennen, Vertrauen baute sich auf und mit Energie, Lerneifer und gegenseitiger Unterstützung wurde die Begegnung mit einer für sie neuen Welt, dem Zirkus, zum großen Spaß und Erfolgserlebnis. Das Angebot, nach der Zirkuswoche und dem triumphalen Auftritt an einem wöchentlichen, begleiteten Zirkustraining teilzunehmen, wurde – sicher aus sehr unterschiedlichen Gründen – nur von wenigen wahrgenommen. Doch der Anfang ist gemacht, beim Karneval 2016 waren die Hürden nicht mehr so hoch und das wunderbar verbindende Medium Zirkus wird bei der Integration der Jugendlichen helfen.

 

Zirkus und Street Art – eine ungewöhnliche Kombination

Einmal im Jahr organisiert und realisiert der Jenaer Kinder- und Jugendzirkus MoMoLo in den Sommerferien für Jugendliche aus Problembezirken ein einwöchiges „Circus & Street Art Camp“, bei dem die Teilnehmenden sich neben dem artistischen Training von Akrobatik, Jonglage, Breakdance oder Einradfahren mit der Kunstform Graffiti beschäftigen können. Sie kreieren kunstvolle Street Art Objekte, die bei den – vom Ghettoblaster entsprechend musikalisch begleiteten – Aufführungen der Zirkuskünste als Background fungieren. Alle Elemente fügen sich zu einer zeitgenössischen Performance zusammen. Dieses jugend­gerechte Camp wird sehr gut angenommen, insbesondere von Jugendlichen, die sonst aufgrund von Bildungsbenachteiligung wenig Zugang zur Kultur und Kunst finden.

Ehrenamtlich tätige Jugendliche in der Regionalen Fortbildung

2015 lud die Europäische Akademie der Heilenden Künste e.V. im mecklenburgischen Klein Jasedow Jugendliche zu einer Fortbildung in den artistischen Disziplinen Bodenakrobatik, Luftartistik, Feuerspiel und Tanz ein. Die Teilnehmenden sollten befähigt werden, sich als Co-Kursleiter*innen auf Zirkuscamps einzubringen. An den ersten drei Tagen wurde viel an Grundlagen gearbeitet, hin und wieder auch an kleinen Choreografien. Aber das Ziel war nicht, eine Aufführung zu entwickeln, sondern an der Verbesserung der eigenen Technik und an der Intensivierung des künstlerischen Ausdrucks zu arbeiten. Ein besonderes Gewicht hatte die Vermittlung von Hilfestellungen für andere und für Sicherheitsvorkehrungen. An den beiden letzten Tagen leiteten jeweils drei bis vier Jugendliche einen Workshop an, alle anderen waren Teilnehmer und gaben anschließend Feedback. Damit wuchsen das Selbstwertgefühl und die Eigenständigkeit der jungen Teilnehmenden. Etwa die Hälfte von ihnen hat im Sommer als Assistenz-Trainer*innen im Bereich Zirkuspädagogik gearbeitet, auch auf dem von „Zirkus macht stark“ geförderten Camp.

 

Zirkus in der Flüchtlingsunterkunft

Um die Zirkusarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen auszubauen und zu intensivieren, wurde beim Berliner Kinder- und Jugendzirkus CABUWAZI ein besonderes Projekt aufgebaut: CABUWAZI Beyond Borders. Das Team geht in die verschiedenen Unterkünfte für Geflüchtete und bietet das artistische Training direkt vor Ort an. Die Zirkuspädagog*innen werden auf den besonderen Arbeitskontext mit einer speziellen Schulung vorbereitet, die sich u.a. mit Rassismus und Diskriminierung auseinandersetzt, um mit bestehenden gesellschaftlichen und eigenen Vorurteilen kompetent umgehen zu können. Zusätzliche ehrenamtliche Unterstützung ist hier besonders wichtig, auch um auf Probleme aufgrund von Gewalterfahrungen und Traumata eingehen zu können.

Durch die enge Zusammenarbeit mit den Einrichtungen für geflüchtete Menschen und lokalen Partnern wie Schulen und Willkommensinitiativen gelingt es dem Projekt, ein breites Netzwerk aufzubauen und nachhaltige zirkuspädagogische Angebote zu machen, die sich an den Bedürfnissen und Möglichkeiten dieser Kinder und Jugendlichen orientieren.

 

Vierbeiner im Zirkusprojekt – eine ungewöhnliche Erfahrung

Auf den ersten Blick sieht es nach einer ganz „normalen“ Zirkuswoche aus: Kinder und Jugendliche, Geflüchtete und hier Beheimatete trainieren gemeinsam Zirkus in seiner ganzen Lebendigkeit, Vielfalt und Unmittelbarkeit. Aber was hat es mit all diesen Hunden auf sich, mit denen sich Kinder beschäftigen? Ines Rosemann von der Zirkusschule Seifenblase schreibt dazu:

Durch die trainingsbegleitende Anwesenheit der Hündin Bica bei der Zirkusschule Seifenblase in Oldenburg ist uns immer wieder vor Augen geführt worden, wie wichtig Tiere für Persönlichkeits­entwicklung und die Förderung von Sozialkompetenzen sind. Da, wo menschliche Kommunikation an Grenzen stößt, kann die Kommunikation mit dem Tier ein Türöffner sein. Gerade Kinder und auch Jugendliche, die es im menschlichen Miteinander schwer haben, deren Vertrauen durch Menschen verletzt wurde, treffen bei Hunden oft auf ein tiefes, wenn auch nonverbales Verständnis. Wir haben Flüchtlingskinder erlebt, die sich zu einem Hund setzen und in ihrer Muttersprache beginnen zu erzählen oder auch nur das Tier umarmen und anfangen zu weinen.

Bei unserem „Zirkus mit vier Pfoten“, der durch die Zusammenarbeit mit einer professionellen Hundetrainerin ermöglicht wurde, trainierten die Kinder und Jugendlichen sehr geduldig, ausdauernd, empathisch und verantwortungsbewusst mit den Hunden. Dabei lernten sie eine gemeinsame neue Sprache: die körpersprachlichen Signale, eine Zeichensprache zur Verständigung mit den Tieren. Durch das Einbeziehen der Hunde hat die Zirkusarbeit eine zusätzliche Qualität entwickelt. Die Klarheit und Konzentration, die in der Kommunikation mit den Hunden gefordert und gefördert wird, hat sich auf das Miteinander insbesondere in Bezug auf die geflüchteten Kinder ausgewirkt.

 

Inklusion auf besondere Art

Das Zentrum für bewegte Kunst e.V. in Berlin hat ein inklusives Zirkuscamp auf einem dörflichen Bauernhof veranstaltet, an dem Jugendliche mit „geistigen Beeinträchtigungen“ ebenso teilnahmen wie Jugendliche ohne Behinderungen. Aufgrund der extrem hohen Heterogenität der Teilnehmer­gruppe mit beispielsweise sehr unterschiedlichen Formen mentaler Besonderheiten und individuell herausfordernder Verhaltensmuster wurde ein hochspezialisiertes Team sehr gut ausgebildeter Zirkuspädagog*innen mit verschiedenen Zusatzqualifikationen und jahrelanger Erfahrung benötigt.

Das gemeinsame Zirkusleben auf dem zur Begegnungsstätte umgebauten Bauernhof mit dem Wechsel von artistischem Training, Selbstversorgung und Ausflügen führte zu einer harmonischen Lebensgemeinschaft in einer unglaublich fokussierten, kraftvollen, entspannten und ganz friedlichen Gesamtatmosphäre. Es entwickelte sich eine wunderbare Form von Normalität, in der Anders-Sein ganz selbstverständlich als Bereicherung des eigenen Mensch-Seins erfahren wurde. In der Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderung konnten in einem erhofften wechselseitigen Lernprozess die individuellen Qualitäten und Kompetenzen aller Beteiligten aufgespürt werden. Durch die Kompetenzen bereits sehr erfahrener Sonnenstich-artist*innen gab es eine tolle Umkehrung von Hilfe-Transfer von Menschen mit Behinderungen zu Menschen ohne Behinderungen. Mit der gemeinsamen Abschlussaufführung war das Camp ein Zeichen gelebter Inklusion.

 

 

Volker Traumann: Bedürfnisorientierte Zirkusarbeit – Inklusion im Zirkus Giovanni Bamberg

Rebecca Stadtmüller: Interview mit dem Circus Fantasia

Katharina Witte: Begegnung mit einer neuen Welt. Ein Zirkusprojekt mit unbegleitet geflüchteten Jugendlichen in Bremen

Lara Mallien: Zirkuscamp und Jugendfortbildung der Europäischen Akademie der Heilenden Künste e.V.

Friedemann Ziepert: „Circus & Street Art Camp“ – ein außergewöhnliches Zirkusprojekt bei MoMoLo in den Sommerferien

Anna Marquardt/Debora Bleichner: „Wenn ich groß bin, möchte ich Zirkusdirektor werden“ – Zirkus mit Kindern und Jugendlichen aus geflüchteten Familien

Barbara Klose/Frank Jahnsmüller: Birikino on tour – eine zirzensische Leiterwagentour

Gerhard Bitterwolf: Akrobatiktheater für eine Kultur des Willkommens

Rainer Deutsch, Circus Schnick Schnack – Auszug aus Bericht (S.30)

Ines Rosemann: Zirkus mit vier Pfoten – ein Abenteuer nimmt seinen Lauf

Michael Pigl-Andrees: Zusammenwachsen auf dem Bauernhof